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Kurswechsel

Geschrieben von: Ulrich Mors.

Hart Steuerbord, würde ich mal sagen. Wobei ich kein Segler bin und man mir ein bisschen die Anleihe verzeihen mag.

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S35 Digital einmal anders - endlich kompakt und komplett.

Sony bringt seine nächste S35 Digitalkamera heraus – oder besser gesagt: Zwei!

Raw Aufzeichnung, 2K, 4K, das kennen wir schon? Fängt bei Blackmagic Design an, kostet dort nicht mal 3000€ netto, kann alles (??).
Und das andere Ende? Macht auch S35, heisst Sony F65 und liegt bei sparerfreundlichen 50.000€ aufwärts.

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F65 mit Zoom-Optik, Sucher, SR MEMORY

Was genau macht die Differenz von über 45.000€ eigentlich aus? Wo sortieren sich nun die neue PMW-F5 und PMW-F55 ein?
Wo wollen wir überhaupt hin?

Seitdem ich mich um das Thema digitaler-Großsensor kümmere, wäre meine Definition einer perfekten Kamera:

"Ich möchte eine digitale 35mm Filmkamera, die leicht ist
und möglichst universell, die mit gängigem Zubehör kompatibel
ist und sich einsetzen lässt wie eine bisher
übliche EB-Kamera.
Dabei soll sie sowohl TV-Standards entsprechen, aber auch
analogen Film ersetzen können."

Also:

Ne RED im Schulterformat. Eine C300/5D/7D/D800 mit XDCAM HD422 Aufzeichnung. Intern. Aber bitte alternativ mit 10bit. Und 50P, für´s Fernsehen, ist ja klar. Aber auch 24p, schliesslich drehe ich ja auch szenisch oder für´s Kino. Dann aber bitte RAW. Ach ja, eine Zeitlupenkamera wie die Weisscam nach Möglichkeit auch. Meine V-Mount Akkus möchte ich aber schon noch benutzen können, ausserdem habe ich mir ja gerade erst einen Satz EF Objektive gekauft, die will ich weiterverwenden. Meine 2/3" HD-Zoomoptik aber auch. Ach ja, bedienbar und bezahlbar soll das nach Möglichkeit bitte auch bleiben.

Alles möglich. Nur nicht gleichzeitig oder mit einem enormen Zubehöraufwand. Aufgeriggte Foto-Monster mit wackligen Steckverbindungen und natürlich dem unvermeidbaren externen Rekorder. Sucher per HDMI, mit etwas Glück lief das Ganze sogar stabil.

Wende Hart Steuerbord!

Auf der IBC im September 2012 wurde ich von einem Sony Ingenieur gefragt: Wie sieht Deine Wunschkamera aus? "Modular" hab ich geantwortet, kaum ahnend, dass das Konzept, das man selbst im Kopf hat, bereits vom Band läuft. Allerdings geheim. Sehr geheim.

So geheim, dass – als die Bombe platzte – man sich fragen musste: Warum nicht eher?

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Lego für Erwachsene - das Modularkonzept der F55

Das liegt vielleicht daran, dass die Entwicklung im digitalen Großsensor-Segment (Video) jäh durch filmende DSLRs gestört und unterbrochen wurde. In hektischer Betriebsamkeit wurden dann neue Konzepte geschaffen, die sich entweder am filmenden Fotoapparat orientierten (z.B. Canon mit der C300 usw.) oder am bisherigen Handheld-Camcorder im Touristendesign (z.B. Sony F3).

Die Filmriege dagegen tat sich mit großen Rigs samt aufmontierter Arri Alexa, RED und anderen digitalen Kameras nicht besonders schwer. Schwere Kameraaufbauten ist man dort gewöhnt.
Durch die filmenden DSLRs ist aber gerade die Fernsehproduktion auf den Kinolook-Geschmack gekommen. Und genau hier klafft seit einiger Zeit eine große Lücke für den professionellen Anwender oder Produzenten.

Die F55 und die F5 sind klare Weiterentwicklungen der PMW-F3.

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Gewinnt keinen Ästhetik-Award, ist aber funktional und durchdacht.

Sony hat gelernt: Das ausklappbare LCD ist verschwunden und wurde durch ein fest verbautes Panel an der Seite ersetzt. Das Panel ist von 6 Tastern umgeben, über die man die Hauptfunktionen der Kamera erreichen kann. Im Speziellen: Framerate, Belichtungszeit, Farbtemperatur, EI bzw. Gain, Gamma und LUT (look up tables). Das gilt im "Kamera-Modus", also im Normalbetrieb.
Mit den weiteren 4 User-Tastern stehen zwar weniger Taster als sonst üblich zur Verfügung, aber die 6 Paneltaster decken ja bereits die wichtigsten Funktionen für den Dreh ab – die Übersichtlichkeit des Bedienfeldes gewinnt dadurch auf jeden Fall.

Eingebaute ND Filter (3 Stop und 6 Stop) können über einen Drehknopf eingeschwenkt werden, weniger fummelig als die bisherigen Schieber an der F3 oder den Handheld-Camcordern.

BTW: Wann gibt es von Sekonic ein Update für die höhere ND-Filterwerte?!?!

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Seitenansicht, rechte Seite.

Auf der rechten Seite der Kamera befinden sich alle Anschlüsse, zum Teil in entfernbaren Anschluss-Boxen (XLR, Timecode). Vermutlich werden die meisten Anwender diese Anschlüsse niemals abmontieren, es mag aber Anwendungen geben, in denen sie keine Rolle spielen oder sogar im Weg sind.

Auf den ersten Blick sieht die F5/F55 nicht unbedingt ergonomisch aus – eben ein rechteckiger Kasten. Daß Sony bei der Entwicklung aber scharf nachgedacht hat, beweisen z.B. der Sucheranschluss (kein festmontierter "Touristen-Sucher" auf der Rückseite!!) oder die Möglichkeit, die F5/F55 zur Schulterkamera (mit Arri Rosette für Griffe) umzubauen.

Gerade die Sucherposition wird viele Kameraleute erfreuen und "ENDLICH!" rufen lassen – haben wir das nicht schon vor mehreren Kamera-Generationen gefordert?
Die Suchermontage erinnert sofort an HDCAM, XDCAM & Co. – es handelt sich tatsächlich um die gleiche Montageschiene wie bei allen Sony Schulterkameras. Damit sitzt der Sucher endlich da, wo er auch hingehört.

Auf diese Schiene passen aktuell drei Kamerasucher:
Im "Einsteigerbereich" gibt es den DVF-L350 3.5" LCD Sucher, der stark an die bisherigen LCD Sucher von Sony erinnert und eine Auflösung von halb HD = 960x540 besitzt.

Der Knaller jedoch ist der DVF-EL100 OLED, den ich mir in England während einer train-the-Trainer Session anschauen konnte: Nur 0.7" groß besitzt das kleine Panel eine Auflösung von 1280x720, mit grandiosen Kontrast (OLED). Ich musste den Sucher auseinanderbauen um zu glauben, dass das wirklich so ein kleines Panel ist. Der Blick durch den Sucher ist hervorragend, die Vergrößerung sehr gut.

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F5 mit OLED Sucher. Das OLED Panel ist so groß wie ein Fingernagel...

Desweiteren wird es einen 7" LCD Sucher geben, der FullHD Auflösung haben wird und vorrangig für 2K/4K Drehs gedacht sein wird.

Erstes Fazit bei Ergonomie und Handhabung beim Dreh: Mit dem L350 oder EL100 OLED sowie der Schultermontage wird eine PMW-F5 oder F55
ZUR ECHTEN SCHULTERKAMERA. Kein Kompromiss, kein "das musst Du Dir irgendwie zusammentüfteln", keine Drittanbieter+Akku+HDMI Sucherlösung, sondern ein echter Ersatz für analoge Filmkameras wie die 435 und andere.

ENDLICH hat jemand diesen Gedanken konsequent zu Ende gedacht. Und ich freue mich, dass das in dem Fall Sony selbst war.

 

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F5 mit OLED Sucher am Set von Sleepy Hollow

Was kann man nun zur F5 und F55 weiter sagen?


Erstmal das Äussere: Das Gehäuse der F5 und F55 ist nahezu identisch , vermutlich das Innere auch, das gilt allerdings nicht für den Sensor und die Datenverarbeitung. Die Gehäuse wirken robust, den Rest muss die Praxis zeigen.

Bei der Bedienung und Form ist man den einen oder anderen Kompromiss eingegangen, trotzdem halte ich die F5 und F55 für die universellste aller derzeitigen digitalen S35mm Kameras im Markt. Sie verwenden übrigens den selben Objektivanschluss der F3 ("FZ-Mount") , was sie kompatibel zu anderen Optikherstellern macht (FZ wird adaptiert zu Canon EF , Nikon G usw.). Auch der mitgelieferte PL Mount wird in den FZ-Mount eingesetzt (wie bei der F3).

Richtig kultig wird es dann, wenn vorhandene 2/3" HD Optiken (!) via Adapter an der F5/55 betrieben werden – Motorzoom, schnelles Handling plus 35mm Look – wow...  Kostet aber etwas Licht. Diese Variante werde ich übrigens auch auf den F5/F55 Trainings zeigen.

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Rawkost - ASX-R5 Raw Rekorder

Der Raw-Rekorder ASX-R5 dockt an die Kamera mit einer Hebelmechanik an – und integriert sich voll. Ist der Rekorder angedockt, kann man ihn kaum von der Kamera unterscheiden, denn die Abmessungen entsprechen sich. Die Kamera ist "einfach ein Stückchen länger". In den Rekorder kommt ein Flashmedium namens ASXM.

Der Rekorder arbeitet trotz der Integration autark – jetzt wird es spanndend, denn dadurch wird echtes Dual-Recording möglich: 16 bit RAW auf den Rekorder,  XDCAM oder XAVC komprimiert auf das interne Medium (SxS). Das hat mich umgehauen – denn es liefert endlich die Möglichkeit, RAW Material "für später" und SxS Material für "jetzt" zu drehen – oder die Kamera für unterschiedliche Drehs individuell zu betreiben.
Oder die SxS für Dailies und Vorschnitt zu verwenden.

Im RAW Modus werden die Daten bei 4K abgelegt mit 1.2 Gb/s , also 1200 Megabit pro Sekunde (~ ca. 150 Megabyte pro Sekunde). Im Vergleich: XDCAM HD422 verwendet 50 Megabit/s... Kein Wunder, dass dafür ein superschnelles Flashmedium her muss, das ist mt SxS (auch Pro Plus) nicht zu stemmen...
Im 2K RAW Modus fällt etwa ein Viertel der Daten an, das entsprich 300 Megabit pro Sekunde.

Wer nicht in RAW drehen will, kann aus einer Vielzahl von gängigen Codecs wählen:

XDCAM HD422 mit 50 Mb/s, Aufnahme intern auf SxS.

Klarer Punktsieg :XDCAM HD422 ist ein weltweit gültiger Standard. Selbst Sender ohne eigene Produktion verwenden HD422 als senderinternen Codec. Die Filegröße ist überschaubar, die Files lassen sich leicht handeln und in so ziemlich jeder aktuellen NLE editieren.

Nachteil: Mit 8 Bit und sehr starker Kompression eignet sich XDCAM nur bedingt für die Postproduktion. Nachteil zwei: Der XDCAM Codec basiert auf MPG2 und lässt damit systembedingt weder 10bit noch 50p bei 1920x1080 zu. Für höherwertige Kompressionsformate fehlte Sony schlichtweg bisher ein weiterer Codec.

XAVC

"Noch so´n AVCdingens" – wie man wohl bei mir in Dortmund sagen würde.

Mal ein bisschen Aufklärung: Alles wo irgendwie "AVC" draufsteht, basiert auf dem Grundrezept AVCHD – ein skalierbarer (also justierbarer, veränderbarer) Codec. Für die Fachleute: Level 5.2 H264/MPEG-4 AVC).
Als Hersteller kann man sich diesen Codec nehmen und nach eigenen Vorstellungen tunen (Datenrate, Bitrate, Auflösung, Rechenaufwand usw.). Panasonic macht das beispielsweise mit AVC-Intra und AVC-Ultra.
Der Sony AVC-Codec heisst jetzt (von XDCAM kommend?) "XAVC" – also die Sony-eigene AVCHD Rezeptur mit 100 Mbps.

Diese bietet:

- HD-Auflösung
- 2K
- 4K

bis max. 60p (je nach Auflösung) und 10bit.
Die Modellunterscheidung F5 und F55 zielt auf verschiedene Anwender, so ist mit der F5 XAVC bis 2K möglich intern (4K über RAW Option), die F55 kann intern auch XAVC mit 4K aufnehmen (sowie über RAW).

Wenn das nicht reicht, lassen sich beide Kameras auch als

"HDCAM SR"

betreiben, in dem Fall hört der Codec auf den schicken Namen SStP. Der ist aber datenhungrig und verbraucht z.B. in der F65 bis zu 880 Mbit/s (alternativ 220 / 440)!
Farbsampling 4:2:2 YUV oder 4:4:4 RGB ("visually losless").

Für die SStP Datenraten reichen die bisherigen SxS Karten der EX1 & Co. nicht aus. Daher führt Sony für diese hohen Bitraten eine schnellere SxS Karte ein: Die SxS Pro "PLUS".

Zusammengefasst: Man kann bei der INTERNEN Aufzeichnung mit Standard-SxS Karten arbeiten, nämlich in XDCAM HD sowie XAVC. Für noch höherwertige Kompression sind die SXS Pro PLUS Karten notwendig.
Für Raw Aufnahmen ist der Raw Recorder mit den dort verwendeten Flashmedien ASXM zuständig.

 

UND WENN DAS JETZT ALLES NOCH NICHT REICHT,

 

gibt es ja auch noch High-Speed Recording. Dabei erreicht die F5 mit ihrem Sensor bis zu 120fps und die F55 bis zu 240fps , sowohl komprimiert als auch RAW. Da werden allerdings wirklich richtig viele Daten durchgehauen!!!

Um Mißverständnisse zu vermeiden: Wir reden hier nicht vom 10 Sekunden-Zeitlupenpuffer der FS700, sondern von echtem Overcranking, das entsprechend Platz auf dem Aufnahmemedium verbraucht.

Natürlich stehen auch die F5/F55 in der Tradition bisheriger Kameras wie HDCAM und XDCAM HD, daher findet man auch nach wie vor die bewährten Hypergamma Kurven sowie das aus den bisherigen S35 Kameras bekannte S-Log. Allerdings hat Sony das S-Log noch weiter aufgebohrt, nennt es nun S-Log2 und erweitert den Dynamikbereich darin auf 14 Blenden!

Der Sinn von S-Log?

Der Sinn von S-Log bzw. S-Log2 liegt im Aufzeichnen der gesamten durch den Sensor möglichen Dynamik OHNE den Nachbearbeitungsmarathon von RAW.
S-Log ist vereinfacht gesagt ein Trick, in ein (auf nur ca. 8 Blenden ausgelegtes) 10bit Videosignal 12 oder mehr Blenden Dynamikumfang hineinzustauchen. Der Nachbearbeitungsaufwand ist geringer ("nur" wieder entstauchen bzw. Gradation anpassen), der Speicherbedarf auch.

Und was kostet das alles?

Die F5 liegt im Handel bei ca. 14.000€ netto (zzgl. Sucher, Akkus, Optik) , die F55 bei ca.30.000€ netto (zzgl. Sucher , Akkus, Optik).

Der einfachere L350 Sucher kostet etwa 3000€ netto, der absolut empfehlenswerte OLED L100 etwa 4000€.

Die F5/55 sind recht energiehungrig , möglich ist der Betrieb mit handelsüblichen, aber "besseren" V-Mount Akkus oder dem F5-systemeigenen Akkusystem, dass sich zudem sehr schnell laden lässt (1h) und garantiert den hohen Strombedarf zuzüglich Zubehör deckt.

Damit liegt eine betriebsbereite F5 ohne Optik etwa im Breisbereich einer PDW700, die sich mehr am EB-Alltag orientiert. Die F55 ist zukunftssicher, da bereits jetzt 2K und 4K RAW oder compressed sowie 50p Aufnahmen möglich sind.
Die etwas abgespeckte F5 ist nahezu identisch, es fehlt der Global Shutter der F55 und die 4K Auflösungen.

ICH GLAUBE, Sony ist hier ein richtig guter Wurf gelungen!

Die F5/F55 vereint endlich die bereits lange formulierten Wünsche nach einer kompakten TV-/Produktionskamera mit großem Sensor, schulterkompatiblem Handling und RAW-Option. Nebenbei profitiert der User vom Service-Netzwerk. Sony ist halt Sony und nicht irgendeine US-Entwicklerbude mit OEM-Einkauf und -Fertigung.

Die F5 und F55 sind etwa seit Mitte Februar im Handel.

 

Am 4.3. starte ich die F5 / F55 Sony Roadshow bei ausgewählten Händlern.

Ab Ende März folgen dann meine SHOOT THE DIFFERENCE Kameraschulungen zur F55/F5 (max. 10 Teilnehmer),
Infos dazu in Kürze hier. Fordern Sie hier weitere Informationen per email an:

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